Bestattungsfahrrad in Kopenhagen

Zurück zur Übersicht

Die Einwohner von Kopenhagen lieben ihre Fahrräder. 50 Prozent von ihnen nutzen täglich das Zweirad - bei Wind und Wetter und zu fast jeder Gelegenheit, sei es in der Freizeit oder für den Weg zur Arbeit . Manche bleiben dem Drahtesel sogar treu bis in den Tod: Denn dank Sille Kongstad können besonders überzeugte Radler nach ihrem Ableben die letzten Meter auf einem Fahrrad statt in einem Leichenwagen
Kongstad führt ein Bestattungsunternehmen in der dänischen Hauptstadt. "Ein Begräbnis", sagt sie, "sollte ein besonderes Erlebnis sein. Man muss dem Menschen, den man beerdigt, gerecht werden." Durch die eintönigen Leichenwagen war diese Möglichkeit bisher begrenzt - zumindest, was den Transport des Sargs angeht. Denn am Auto führte kein Weg vorbei, auch nicht für diejenigen, die das Fahrrad zu Lebzeiten anderen Fahrzeugen vorzogen. Die meisten Leichenwagen sehen zudem gleich aus: Kombi-Sonderbau, gestreckt mit großen Glasflächen, häufig eine Mercedes-Benz-E-Klasse.

"Eines Tages habe ich Bilder einer alten Leichenkutsche gefunden", erzählt Kongstad. Da kam ihr die Idee zum Rustvogncyklen (Leichenrad). Mit der Hilfe eines befreundeten Fahrradhändlers machte sich die 39-Jährige an die Umsetzung. Das Design war ihr besonders wichtig: Das Bestattungsfahrrad ist selbstverständlich schwarz, die Auflagefläche für den Sarg hat ein gebogenes Dach, das die Kiste vor Regen schützt und zudem elegant aussieht. An den Dachpfosten sind sogar goldene Spitzen angebracht, so kommt es dem Vorbild des alten Kutschenwagens optisch ein wenig näher.
"Es passt einfach zu der Stadt"
Im Sommer nahm sie das Leichenrad mit in ihr Angebot auf, seitdem hat sie bereits zwölf Beerdigungen damit begleitet. Auf dem Sattel sitzt sie selbst, schließlich kann sie kräftig in die Pedale treten - auch wenn ihr Transportgut üblichweise lebendiger ist: Als Mutter von drei Kindern kutschiert sie ihren Nachwuchs mit einem Lastenrad durch die Stadt.
Das Begräbnis mit dem Leichenrad hat eine ganz eigene Atmosphäre, sagt Kongstad. Sie beschreibt die Stimmung als intimer als bei anderen Bestattungen. Die Familie sei näher als sonst an dem Sarg dran - das sorge für eine ungewöhnliche Verbundenheit.
Auch von Außenstehenden bekomme sie ausschließlich positive Reaktionen auf das Leichenrad. "Die Menschen in Kopenhagen winken mir am Straßenrand zu, wenn ich damit vorbeifahre. Es passt einfach zu der Stadt", sagt sie.
Einzelstück für 8000 Euro
Trotzdem will es Kongstad nur bei diesem einen Leichenrad belassen: "Es hat mich viel Zeit gekostet, das zu entwickeln", sagt sie. Und ergänzt: "Außerdem auch viel Geld." 60.000 Dänische Kronen (rund 8000 Euro) und mehrere Monate Entwicklungsarbeit hat sie investiert.
Aber sie liebe es, neue Dinge zu erfinden - und ist deshalb schon dabei, eine andere Idee umsetzen: Als nächstes will sie Grabsteine anbieten, die durch die Werke des spanischen Architekten Antonio Gaudí inspiriert sind, dem Schöpfer der Sagrada Família in Barcelona. "Die Steine sollen in schönen Formen und mit ausgefallenen Materialien gebaut werden", sagt Kongstad. Dann wäre nicht nur der letzte Weg zur Beerdigung besonders, sondern auch die Grabstätte.
Quelle: Spiegel Online