Von Beileidsbekundungen am Grab bitten wir abzusehen | Text: Claudia Auffenberg

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Eine Morgenandacht von Claudia Auffenberg:

Von Beileidsbekundungen am Grab bitten wir abzusehen. Das ist ein Satz, den ich gelegentlich in Todesanzeigen lese. Und jedes Mal frage ich mich: Warum schreiben Menschen das dahin? Hat wirklich jeder, der es tut, gute und nachvollziehbare Gründe, die ich nicht zu kritisieren habe? Denn es kommt mir so vor, als würde ich diesen Satz immer häufiger lesen, als ob er fast so eine Art Standard ist. Wenn das stimmt, würde es mir nicht behagen. Die Tendenz, dass immer mehr Menschen meinen, es sei hilfreich, auf die Anteilnahme anderer zu verzichten.

Nun ist der ganze Bereich Trauer einer, in dem in den vergangenen Jahren eine regelrechte Beratungsindustrie entstanden ist. Vermutlich, ohne dass das jemand will, wird suggeriert, man könne die Zeit der Trauer ohne professionelle oder mindestens organisierte Hilfe nicht überstehen. Wie immer ist der Grat zwischen Hilfe und Bevormundung, zwischen Unterstützung und Entmündigung schmal. Die vielen Trauergruppen und Trauerseminare wollen gegen die Hilflosigkeit angehen. Gleichzeitig verstärken sie sie womöglich, weil sie den Eindruck erwecken, wir könnten nicht mehr trauern. Ich darf das sagen, denn ich bewege mich auch in dieser Szene. Daher weiß ich, dass in vielen Gruppen und Vereinen Menschen sehr positiv ermutigt werden, ihre Trauer zu leben und ihnen vermittelt wird, dass Trauer keine Krankheit ist und dass es zunächst mal kein richtiges oder falsches Trauern gibt. Es gibt aber ein ungesundes Trauern - und das ist das verdrängte.

Selig die Trauernden, sagt Jesus in der Bergpredigt, denn sie werden getröstet werden. Umgekehrt formuliert: Getröstet wird, wer trauert. Das klingt wie eine Drohung, ist aber eher eine Konsequenz.

In seinem Brief an die Gemeinde in Korinth nennt Paulus Gott „den Gott allen Trostes“. Es ist der Gott, der uns nach seinem Vorbild geschaffen hat. In der Bibel klingt es, als sei das aus einer Laune heraus geschehen, als habe Gott einfach mal Lust gehabt: „Lasst uns den Menschen schaffen“, so steht es da und man hört förmlich, wie er in die Hände spuckt und loslegt. Dieser Gott der Bibel, an den wir Christen glauben, ist überhaupt ein ziemlich kontaktfreudiger Gott. Er sucht die Beziehung zu uns Menschen und da wir seine Abbilder sind, gilt das auch für uns. Wir suchen nach Beziehungen und nach Gemeinschaft.

Ich saß einmal in einem Café neben einem älteren Paar, das sich dort offenkundig aufgrund einer Kontaktanzeige getroffen hatte. Weghören war nicht möglich, aber zuhören war schrecklich. Die beiden versuchten derart krampfhaft ihre Souveränität zur Schau stellten, dass es kaum zu ertragen war. Ich wäre am liebsten eingeschritten und hätte sie gefragt: Suchen Sie einen Partner oder einen Fan? Das wäre natürlich ein bisschen gemein gewesen, denn das war ja eine diese Situationen, in denen man sich von seiner besten Seite zeigen will, wie bei einem Bewerbungsgespräch oder so. Doch die beste Seite ist immer nur eine Seite. Eine Freundschaft, eine Beziehung, das Miteinander auch unter Kollegen funktioniert aber nur dann, wenn man alle Seiten zeigen darf. Und das sind ja nicht alles schlechte Seiten. Erst in der Zusammenschau ergibt sich das ganze, das authentische Bild. Und steht nicht in allen Bewerbungsratgebern: „Seien Sie authentisch und ehrlich!“?

Vor einer Gesellschaft, in der ich nicht mehr trauern dürfte und kein Beileid mehr bekunden sollte, in der wir alle nur darauf aus wären, voreinander zu glänzen und uns in schwachen Stunden einander vom Leib zu halten, würde ich mich fürchten.
Vielleicht ist es das, was mir nicht behagt, wenn ich diesen Satz lese: Von Beileidsbekundungen am Grab bitten wir abzusehen. Aber ich denke: Soweit sind wir noch nicht. Denn, so meine Erfahrung: Viele können mit Trauer gut umgehen. Und: Wir alle sind in Wahrheit doch bessere Menschen als wir es selbst manchmal glauben. Manchmal bricht das Göttliche, und das heißt, das liebenswürdige, das freundliche in uns durch. Dem Himmel sei Dank! Wir müssen es einander nur ermöglichen.